Nachdem ich in den letzten Wochen wieder vermehrt Keyboard, also Klavier für den kleinen Mann gespielt habe, bin ich auf eine interessante und beängstigende Entwicklung gestoßen. Ich kam in meiner Kindheit in den Genuss, eine relativ anständige musikalische Ausbildung zu erhalten. Dazu gehörten Melodika, Akkordeon und Keyboard spielen. Negative Auswirkungen waren natürlich gesellschaftliche Ächtung Gleichaltriger. Für Außenstehende: Akkordeon spielen ist für 10-16 jährige Jungs so in einer Schublade mit Eiskunstlauf, Ballett oder Stricken. Superschwul also.
Den Ausdruck habe ich absichtlich verwendet, weil er zu dieser Zeit in diesem Alter tatsächlich ein benutzter Begriff war. Im Nachhinein kann man gut sehen wie grausam und undankbar Kinder sind. Nicht dass sie jemanden ausgrenzen wegen eines Hobbies dass sie nicht verstehen, sie nutzen dafür auch noch eine Beleidigung die eine andere Minderheit noch einmal in Gänze beleidigt. Weltoffenheit wird einem in keiner Gesellschaft in die Wiege gelegt. Das muss hart erarbeitet werden. Heute bin ich natürlich ein ganzes Stück weiter.
Persönlich war ich auch selten glücklich mit meinem Accordeonspielerdasein. Der große Star war man bloß bei dem über 70 Jährigen Publikum auf den Stadtfesten oder bei den zahlreichen Kleinstauftritten bei Verwandten und Bekannten. Diesen Fame konnte man natürlich wieder nicht in die Peergroup hineintragen. So ist das einzig Nützliche was blieb die Note 1 in Musik bei Notentests und Gesangsprüfungen.
Hier kommen wir auch endlich zum eigentlichen Thema dieses Artikels.
Während ich mir Inspiration für Songs die ich spielen möchte auf Youtube geholt habe, viel mir auf dass es zahlreiche alternative Lernvideos für Klavierstücke gab. Während früher ein Notenblatt und ein Tape mit dem entsprechenden Musikstück als Basis dienten, gibt es heutzutage Syntesizeranimationen ala Guitarhero zum Nachspielen. Grund dafür ist sicherlich einerseits der Ansatz Klavierspielen zu lernen ohne Noten lesen können zu müssen und andererseits die immer noch total bescheuerte Lizenzpolitik bei Musik und damit auch Musiknoten. Ersteres ist sogar ein ziemlich heeres Ziel, teilt doch das Notenlesen die Musikergemeinschaft in eine Zweiklassengesellschaft. Punkrock hat sich in seinen Ursprüngen ja auch diesem Ziel verschrieben. Musik machen ohne sich der Diktatur der Musikschule zu beugen. Einfach spielen und üben solange bis es klingt. Oft wird aber dabei der eigentliche Zweck von Noten komplett vergessen. Sie sind da um Musik zu archivieren. Noten sind das was English einmal sein wollte. Eine Weltsprache. Jeder kann sie lesen. Unabhängig vom Herkunftsland und vom Musikinstrument. Vergleichbar mit der Notation der Mathematik eine der größten Errungenschaften der Menschheit. Ich rede jetzt nicht davon, dass wir alles wieder auf Papierformat umstellen und endlich dieses blöde Youtube dings wieder abstellen. Mit der Technik von heute kann man sich ein Notenblatt von Software vorspielen lassen, umkomponieren und so weiter. Das Lizenzdilemma geht sogar soweit, dass du dir ein midi File runterladen, von einem Notenprogramm auf ein Notenblatt schreiben lassen und dich dann damit ans Klavier setzen kannst. Weil das Notenblatt selbst zu hosten eventuell nicht legal wäre. Fakt ist zum Lernen des Liedes ist es sicherlich nicht schlecht, direkt zu sehen welche Tasten man drückt anstelle sie aus dem Notenblatt herauszulesen. Am Ende ist das Notenblatt aber wie eine Art Stichpunktzettel eines Redners, auf den man ab und zu draufschielen kann wie es weitergeht. Etwas was ein Youtubevideo nicht leisten kann. Daher habe ich auch angefangen diesen wunderbaren Super Mario Song nach zu komponieren. Neben einigen ziemlich großartigen Versionen findet man unter all dem Youtube Videos auch eine Menge Müll. Das wohl beeindruckenste unter diesen war ein Lern-Tutorial für Hotel California. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mit Hilfe dieses Videos auch nur ein Erdenbewohner gelernt hat dieses Lied zu spielen.
Musik verbindet Menschen über alle Grenzen hinweg und Noten sind die Sprache der Musik. Noten zu lesen darf kein Privileg sein aber vor allem darf es kein Zwang sein. Ich erinnere mich an fürchterlich langweilige Notenlehre Sessions im Schulmusikunterricht. Mit der Technik von heute kann man Schülern dabei helfen ihre Lieblingssongs nach zu komponieren und auf einem Instrument ihrer Wahl nachzuspielen. Wenn das einen Jugendlichen nicht für die Notenlehre begeistern kann. Dann fällt mir auch nichts mehr ein.
Zum Abschluss noch was motivierendes. Der Junge hier hat den Piano Cover von Kanye West - Power kreiert. Gänsehaut.