Dann zuerst die Cola. sage ich und greife mir den Einkaufswagen. Offensichtlich traurig darüber, dass er seinen Rang als Gruppenführer damit an mich abgetreten hat, trottet er mir hinterher. Auf einmal wird mir auch endlich meine Aufgabe in dieser offensichtlich aussichtslosen Schlacht durch das Einkaufscenter bewusst. Um den Einkaufszettel abzuarbeiten brauchte mich Steffen nicht. Aber mit Blick auf die Entscheidungsorgie vor dem Chipsregal war klar, dass er den Kaufland ohne mich nie im Leben im Zeitplan wieder hätte verlassen können. Meiner tragenden Rolle in diesem Spiel gewahr ziehe ich das Tempo an. Elegant schiebe ich mit dem linken Ellenbogen eines von den eh schon weinenden Kindern zur Seite und öffne einen Pforte in den Softdrink Gang. Eigentlich kann man ihn auch den Cola Gang nennen. Es gibt nämlich 2 Gänge mit Softdrinks und dieser ist komplett mit Coca Cola Produkten gefüllt. Die Original Cola und Bazzilliarden zuckerfreier oder Geschmacksvariationen die eigentlich nur einem einzigen Zweck dienen. Dass der Kunde gestresst und übermüdet ungewollt eines dieser Minderprodukte einpackt und später nochmal wieder kommen muss und das gleiche Geld für die richtige Cola an der Kasse lassen muss. Eine Weltverschwörung. Nein höchstwahrscheinlich die Weltverschwörung. Vor dem Regal stehend sehen wir uns vor der nächsten Prüfung. Herkules hätte mehr als blass ausgesehen bei den 7 verschiedenen Flaschengrößen mit unterschiedlichen Preisen die gewünschte Kaufmenge in den billigsten Flaschen zu bestimmen. Für mich und Steffen als notorische Pfand-nicht-zurück-Bringer gibt es dann noch die Fortgeschrittenendisziplin, bei der die 2 verschiedenen Pfandpreise in die Gleichung mitaufgenommen werden müssen. Der Platz im Olymp wäre uns sicher gewesen. Ich packe zwei 0,5l und eine 2l Flasche in den Wagen und wir ziehen weiter. Im nächsten Gang bleibe ich ehrfürchtig stehen, als ich erkenne was hier gerade passiert. Vor mir steht eine fast ausgestorbene Spezies. Hierzulande gibt es nur noch extrem selten Sichtungen. Ich selbst habe nicht mehr damit gerechnet zu meinen Lebzeiten ein Exemplar von ihnen in Natura zu begegnen. Es ist ein 16 Jähriger der scheinbar tatsächlich nur Geld für einen einzigen Alkopop Drink hat und nun verzweifelt versucht unter den 150 verschiedenen Sorten die richtige Wahl für diesen Abend, ja vielleicht für diese Woche oder gar diesen Monat zu treffen. In jeder Hand eine dieser Flaschen versucht er vergeblich zu entscheiden, welche Kombination aus Etikettfarbe, Geschmacksrichtung und C-Promi Bild ihm am meisten zusagt. Ein Fest für die Sinne. Auf einmal spielen die bisherigen Strapazen keine Rolle mehr. In meinem Kopf legt sich der klassische Afrika-Tierdoku-Filter über das Bild und eine wohlbekannte Stimme zählt im ruhigen Tonfall allerlei Fakten über diese einzigartige Gattung auf. Auf einmal reißt die Szene auf. Steffen hat scheinbar ungewiss der Rarität dieses Augenblicks entschieden sich auch einen dieser Alkopops zu holen und da er in unmittelbarer Nähe des Jungen ins Regal griff den Jungen erschreckt und verscheucht. Kurz überlege ich mir ihn dafür zu tadeln, weiche aber schnell davon ab. Vor dem Kauf von Nervengift möchte man in seiner Umwelt so wenig wie möglich Zweifel am eigenen Geisteszustand sähen. Irgendwie aber auch eine veraltete Praxis. Im modernen Kapitalismus wird eh an jeden verkauft der zahlt. Die Altersschranke einst dafür eingeführt einen etwaigen Reifegrad zu repräsentieren ist auch längst hinfällig. Einem selbst zeigt diese Schranke nur auf wie alt man schon geworden ist. Als ich den Wagen wieder in Bewegung bringe, kann ich schwören mein linkes Knie knarzen zu hören. Jetzt die Eiswürfel!
- Fortsetzung folgt -
Mir ist aufgefallen dass ich es wieder nicht geschafft habe in einer Zeitform zu bleiben. Das ist um es gelinde auszudrücken garnicht mal so einfach und ich gelobe Besserung. Ich hoffe es liest sich trotzdem ganz ok.
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