Mein Blick wandert durch die Zelle. Keine besonders gute Konstruktion aber gefesselt unüberwindbar. In meinem Kopf laufen unzählige Szenarien ab während ich instinktiv jeden einzelnen Quadratzentimeter der Zelle absuche. Aufweichen. In der Ecke ist ein Pfütze und Bruchteile nachdem ich sie registriert habe kam auch die entsprechende Idee. Seilfesseln durch Aufweichen lockern. Während ich mich noch in alle Richtungen nach Feinden umsehe bin ich auch schon erstaunlich geräuscharm in die Ecke mit dem Wasser gekrochen. Ich beginne mit den Handfesseln und lege mich halb auf die Seite halb auf den Rücken mit den Fesseln in die Pfütze. Ich spüre wie das spröde Seil das Wasser wie ein Schwamm aufsaugt. Wenige Sekunden später lässt die Spannung der Fesseln spürbar nach. Sie sitzen immer noch ziemlich gut, der Kerkermeister scheint sein Handwerk zu verstehen.

Ich warte noch eine Minute und beginne mit kleinen Spreizbewegungen die Fesseln weiter zu lockern. Das Vigor hat ganze Arbeit geleistet und mir scheinbar Houdinis komplettes Repertoire eingetrichtert. Meine Zeitschätzung hat sich ebenfalls extrem verbessert. Ich zähle irgendwie innerlich im fünf Sekundentakt mit. Daher kann ich auch sagen dass ich weniger als viereinhalb Minuten gebraucht habe um den Handfesseln zu entkommen. Während der Houdini Nummer habe ich bereits das Umfeld des Käfigs untersucht. Der Käfig befindet sich in einem etwa 6x6 Meter großen Holzbau und ist in der Ecke eingelassen. Zwei Gitterwände aus Holz mit relativ breiten Stäben und eben auch Zwischenräumen bilden die anderen Seiten. Als ich die Hände befreit hatte, konnte ich instantan den Hand großen Holzsplitter durch die Gitterstäbe reinangeln, den ich schon ausgekundschaftet hatte. Ich beginne an den Fußfesseln zu sägen. Ebenso schnell habe ich auch diese entfernt. Keira liegt immer noch vor mir. Ihr Zustand ist irgendwas zwischen Ohnmacht und tiefen Schlaf.

Das kann auch noch eine Zeit so bleiben, denn noch sind wir in dem Käfig. Das Schloss der Tür war mit dem Riegel auch das einzige Metallteil an diesem Gefängnis. Bisher nur von hinten betrachtet konnte ich es mir jetzt mit den Händen durch die Gitterstäbe von allen Seiten anschauen. Wie schnell ich mir dann aber einen Splitter aus dem Holzkeil brach und den Schließmechanismus überwand überraschte mich selbst. Die Tür geöffnet untersuche ich den Rest des Holzbaus nach einer Waffe am besten mit Schneide. Beim Schlafplatz finde ich einen Dolch. Interessant. So besonders gut scheinen sich die Bewohner dieser Gopax auch nicht zu verstehen. Mit dem Dolch geht es zurück in die Zelle, die Tür wieder verschlossen das Schloss vorgehängt aber nicht geschlossen. Ich entferne Keiras Fesseln und realisiere dass jetzt erst der schwierigste Moment bevorsteht. Ich muss sie wecken. Lautlos.

Wieder einmal schaue ich mir staunend zu wie ich kniend über ihre Brustkorb mit meinen Beinen ihre Arme einklemme und mit meiner linken Hand mit einem äußerst merkwürdigen Griff auf ihren Hals drücke. Mit der Rechten Hand kneife ich ihr in die Schulter. Der Effekt setzt unmittelbar ein. Sie reißt ihre Augen auf und ihr Mund will schreien aber ihre Stimmbänder eben nicht. Mit Finger und ein wenig Geräuschunterstützung deute ich ihre nächsten Schritte an. "Schhhhhhhhhht." Einige Sekunden vergehen bis sie mich erkennt und den Anweisungen folgt. Ich löse meinen Griff und flüstere ihr zu. "Bitte bleib leise, dann bringe ich uns beide hier raus." Während sie nickt sehe ich ihre Augen mich ungewöhnlich lange mustern. "Was ist los?" frage ich. Ich merke wie sie mit den Worten ringt, greife zu dem Dolch, putze die Klinge an meiner Hose blank, halte ihn ins Licht und schaue in mein Spiegelbild.


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