Ich habe am Wochenende mal wieder was interessantes im Fernsehen gefunden. Auf Phoenix lief eine Reportage über die Geschichte des Schlagers. Kurz zusammen gefasst war die Erkenntnis, dass der Schlager stets die Sehnsüchte des Volks widerspiegelte und darüber hinaus in Krisenzeiten auch ein mächtiges Werkzeug zur Stabilisierung der inneren Sicherheit war. Dabei wurde explizit auf die Zeit des 2. Weltkrieges, die 68er Revolution sowie den Höhepunkt des kalten Krieges eingegangen. Brot und Spiele damit das Volk nicht aufbegehrt.

Seit seiner Entstehung hat der Schlager immer wieder Hoch- und Tiefphasen gehabt, sich aber immer wieder erholt. Vor allem mit den Krisen kam er regelmäßig wieder zurück.

Da kann man sich ja eigentlich nur wundern warum er zur Immobilien-, Banken- oder Europakrise nicht wieder empor gestiegen ist.

Evolutionstheorie - mein Ansatz

Der Stärkere setzt sich durch. Mit der Einführung des Fernsehens hat sich auch der Schlagerkonsum gewandelt. Der Fokus ging vom Radio ins Fernsehen. Die ZDF Hitparade hatte Spitzeneinschaltquoten von bis zu 20 Millionen. Schlager war dabei immer sauber und rein, passte also hervorragend ins Konzept von öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten. Was wäre wenn zusammen mit dem Fernsehen eine wesentlich effizientere Methode zur Volksstimulation gefunden worden wäre und diese mit dem Schlager in direkten Konkurrenzkampf treten würde. Der Schlager würde verlieren und ganz langsam von der Bühne verschwinden.

Dieses neue Format würde anstatt wie sich die Schlager an die Sehnsüchte der Menschen richten eine andere Triebfeder der menschlichen Existenz bedienen. Die Schaulust. Durch das Fernsehen ist es endlich möglich, allen Bürgern bewegte Bilder zugänglich zu machen. Man könnte das nutzen um dem Volk das Wissen der Welt Schritt für Schritt näher zu bringen und über Jahrzehnte eine aufgeklärtere Gesellschaft zu formen oder man bringt dem Bürger was er braucht: den Zirkus nach Hause. Man kreiirt ihm eine 4 stündige Liveshow mit lauter "außergewöhnlichen" Gestalten, prominenten Persönlichkeiten und topaktueller Musik. Da man im öffentlich rechtlichen Fernsehen ist, gibt man sich größte Mühe auch die absurdesten Hobbies als Talente zu präsentieren. Ob der Zuschauer am Ende auf den Protagonisten herabsieht oder aufschaut ist für die Sendung komplett irrelevant. Die Sensationsgier des Bürgers wird gestillt.

Herabsehen ist einfacher als Aufschauen. Warum entwickelt man also nicht ein Format bei dem man dem Zuschauer diese Entscheidung abnehmen kann. Man entwickelt am besten gleich eine Vielzahl von Formaten um alle nur erdenklichen leicht zu erreichenden Emotionen des Bürgers zu bedienen. Am Ende entsteht ein Tagesprogramm vollgepackt mit Voyeurismus, Schadenfreude, Ekel und Neid. Die Sender sind dann längst privat und müssen sich bei ihrer Programmgestaltung keinen Geschmacksgrenzen unterwerfen. Alles darf gezeigt werden, solange die Quote stimmt.

Der Bürger bekommt dann genau das was er braucht: eine Projektionsfläche aus Ekel und Hohn für all seine aufgestaute Unzufriedenheit. Sodass diese Unzufriedenheit bei ihm und seinem Fernseher im Zimmer bleibt und nicht nach draußen auf die Straße schwappt. Jedem Bürger ist ein Fernseher mit Fernsehempfang als persönliches Grundrecht eingeräumt. Ein Recht auf gesellschaftliche Teilhabe. Ob Caesar freien Eintritt fürs Volk ins Kollosseum skandierte oder der Führer an Volksempfänger für alle versprach, auf so einen schönen Decknamen für die Volksstimulation wären wohl beide neidisch gewesen.

Am Ende geht der Schlager nicht, weil es keine gute Musik ist. Das war er nie. Er geht weil seine versteckte Funktion zur Volksstimulation nicht mehr benötigt wird, da es neue viel effizientere Methoden dafür gibt. Eigentlich fast schon schade, wenn man sieht für wen er die Bühne verlässt.

Wer wissen will wie es weiter geht kann sich gerne den Film Idiocracy ansehen.