Musikanten
Ich wurde gestern in der Ubahn ausnahmsweise positiv von einem dieser Bahn-Musikanten überrascht. Ihr wisst schon eben solche die bewaffnet mit verstimmten Akkordeons, Saxophonen, Gitarren oder Trommeln in jeglicher Variation für 2- 3 Stationen die Geräuschkulisse nachhaltig beeinflussen. Ihrer Meinung nach positiv. Mit dieser Meinung sind sie meistens aber ziemlich allein. Besonders gerissen sind die, die Kleinkinder nebenher mit dem Klingelbeutel auf die Jagd schicken. Das macht dem gemeinen Bahninsassen das Ablehnen der Spende noch unangenehmer, wo er doch dieses musikalische Meisterwerk genießen durfte.
Aber zurück zu der Ausnahme, welche bekanntlicherweise die Regel definiert. Ich habe mich schon gewundert was gestern wieder für ein halbstarker Arsch mit laufendem Ghetto Blaster eben in meinen Waggon einsteigen musste. Als er dann den Track noch lauter drehte, lief vor meinem inneren Auge zwischen uns bereits die schönste Szene aus 96 Hours ab. Ihr wisst schon die mit den Nägeln und dem Starkstrom. Während ich also gerade damit beschäftigt war ihm in meinem Kopf meinen Hass über die Nägel durch den Körper zu jagen, wäre mir fast Stufe 2 seiner Darbietung entgangen. MC Kotti (ich taufe ihn mal auf die Bahnstation) fing an abzugehen und rappend schön regelmäßig durch die Bahn auf und abzugehen. Die erste halbe Minute habe ich versucht Spuren von Playback zu finden, aber da war nix. Warum sollte man ihm Playback unterstellen? Weil das echt verdammt gut war, was er da abgeliefert hat. Einmal die Strophe sowie Chorus und im Gegensatz zur Konkurrenz war er text-sicher (es reimte sich und klang auch nicht wie Freestyle), hatte Flow und konnte singen. Es muss also eher ein Hobby-Bahn-Musikant sein, denn mir kommt es so vor, als kommt man mit weitaus weniger Talent in Berlin in ein Tonstudio rein.
die Theorie
Was hat das alles mit dem Markt zu tun? Bahn-Musikanten sind ein schönes Beispiel wie kaputt die Markt Theorie ist. Die Theorie besagt ja, dass sich die guten Musikanten durchsetzen werden, da diese eben Spenden erhalten, während die schlechten eben keine bekommen. Hier erkennt man auch gleich die Schwäche dieser Theorie. In der Wissenschaft spricht man vom idealen Experimentier-Umfeld, häufig dem luftleeren Raum. Bahnmusikanten befinden sich aber nicht im luftleeren Raum. Der Markt, also das Publikum, dass ihnen spendet entscheidet eben nicht kalt und mit Kalkül an Hand der musikalischen Darbietung. Es spielen unzählige weitere Faktoren eine Rolle. Beispielsweise hat man Kleingeld zur Hand, spenden alle um einen herum, trägt ein hungrig aussehendes Kind den Klingelbeutel etc. Schnell erkennt man, dass eben nicht die bessere Musik am Ende das Rennen macht, sondern der gerissenere Bettler. Der Markt hat an dieser Stelle also nur begrenzt die Möglichkeit das zu "regeln".
da draußen in der weiten Welt
Wenn man sich jetzt von diesem Beispiel entfernt und auf nationale Ebene in die Wirtschaft schaut, dann gibt es dort unzählige Stimmen die scheinbar ununterbrochen nach Verringern der staatlichen Regulierung schreien, damit der Markt das endlich selbst regeln kann. Das? Wird man eben diesen Stimmen glauben ist "das" zum Beispiel das sinkende Wirtschaftswachstum. Das würde der Markt mit weniger Regulierung quasi von selbst regeln. Nur ist es auch dort wie überall, dass die Theorie eben nur im luftleeren Raum funktioniert. Konkurrenz sorgt dafür, dass die Waren nicht zu teuer verkauft werden. Wenn der Kunde also die selben Produkte für weniger Geld haben möchte, dann nimmt er sie von der billigeren Konkurrenz. Diese ist aber längst nicht mehr billiger, weil sie bei gleichen Ausgaben einfach weniger Gewinn fährt. Von so einfacher Mathematik hat sich die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts längst distanziert. Man kann doch an den Ausgaben arbeiten: Zulieferer im Preis drücken und Arbeitskräfte outsourcen. Wer sorgt am Ende des Tages dafür, dass die Waren nicht zu billig verkauft werden?
aber man muss doch nur ...
Der Endkunde, der laut Theorie mit seinem Kauf maßgeblich Einfluss darauf nehmen kann wie diese Produkte geschaffen und vertrieben werden, hat allerdings ein Problem. Durch die Komplexität der Wertschaffungskette hat er zu keiner Zeit einen Überblick was er dort gerade kauft und was er kaufen muss um die Veränderung zu bewirken die er anstrebt. Es gibt an dieser Stelle natürlich ambitionierte Projekte, die dem Kunden eben diesen klaren Blick ermöglichen wollen. Doch gibt es ebenso unter diesen auch immer wieder schwarze Schafe, welche das ganze Konzept in Frage stellen.
Eier
Zuletzt gab es in Niedersachsen einen "Bio-Eier-Skandal", bei denen vorsätzlich Eier fälschlich als Freiland- oder Bio Eier deklariert wurden. Das zeigt wunderschön wie viel Einfluss man als Kunde heutzutage noch hat. Mir ist aufgefallen dass man seit etwa 3 Jahren scheinbar überhaupt keine Eier aus Käfighaltung mehr kaufen kann. Hat der Markt das tatsächlich geregelt oder wurde eher ein wenig Erde in die Käfige gekippt und neue Stempel mit der Aufschrift "Bodenhaltung" eingekauft. Letzteres klingt wahrscheinlicher.
und nun?
Erkenntnis des ganzen ist, dass der Markt eine solche Misere nur regeln könnte, wenn alle Systemkomponenten die gleiche Ethik haben. Selbst wenn Bauer und Käufer die selben ethischen Vorstellungen haben, würde das in unserem heutigen System immer noch nicht ausreichen. Denn zwischen Käufer und Bauer liegen etliche Zwischenhändler, die mit wirtschaftlichem Kalkül eben auf ihren Gewinn hinarbeiten. Und die Wirtschaft kennt eben keine Ethik. Daher lassen sich die vielen durch die Globalisierung entstandenen Ungerechtigkeiten so wunderbar einfach wirtschaftlich erklären. Ob es nun hier Kurierdienste, Callcenter-Angestellte oder Gebäudereiniger oder im Ausland Bananenpflücker, Kautschuk-Zapfer oder Unterhaltungselektronik-Zusammenkleber sind, die gegen jede Ethik maßlos unterbezahlt sind. Wirtschaftlich ist das einfach erklärt. Man kann es machen, weil es geht. Weil eben der Endkunde kaum noch die Macht hat mit seiner Entscheidung daran etwas zu ändern. Im schlechtesten Fall kommt das alternativ gekaufte Produkt von der selben Plantage, aus der selben Fabrik oder aus dem selben Stall.
Der Markt regelt das auf jeden Fall nicht mehr. Wahrscheinlich muss da jemand anderes ran. Wer? Das dürft ihr selbst erraten.
noch was in eigener Sache
An die Vegetarier/Veganer/Nur-Bio-Esser da draußen mit ihren Iphones, MacBooks, H&M-Klamotten, Jack Wolskin Jacken, Eastpack Rucksäcken und Converse Chucks: Hauptsache den armen Tieren geht es gut. Der Rest der Welt ist zwar tierisch arm, aber immerhin bekommen die Tiere hier endlich alle Musikunterricht und ihr eigenes Zimmer.